Welche Feder übersteht den Kampf?

„Werden wir das Meer sehen?“ – fragt sie leise.
„Ich weiß es nicht.“– antworte ich.
Meine Finger fahren über die Regentropfen, die langsam am Festen hinunter laufen.
„Manche Nächte sind dunkler als andere, weißt du. Dass heißt nicht, dass morgen nicht die Sonne aufgeht. Sie wird aufgehen. Da glaube ich fest dran.
Aber zuerst wird es still sein. Sehr still. Aber sogar während der Stille kannst du die Sterne am Himmel zählen. Und währenddessen du sie zählst, kannst du dir vorstellen, dass in jedem kleinen Stern ein kleiner Funken Hoffnung darauf wartet, geweckt zu werden.“
„Aber es regnet doch gerade.“ – haucht sie leise.
„Ja das stimmt, es regnet. Ziemlich doll sogar.“
Wir biegen auf einen Feldweg ein. Das Auto ruckelt sanft, währenddessen es über Stock und Stein gleitet. Sie guckt verstohlen aus dem Fenster. Ich sehe Gänsehaut auf ihren Armen. Sie zittert leicht.
Ich bringe den Wagen zum Stehen. Lege einen Arm um sie und flüstere: „Du bist das stärkste Mädchen, das ich kenne. Du hast sicher einen so starken Blick, einen so starken Blick, der durch die Wolken geht, oder?“
Sie dreht langsam ihren Kopf zu mir und schaut mich an: „Ich weiß nicht, ob mein Blick so stark ist. Jedes mal wenn ich nach oben gucke, fallen Wassertropfen in meine Augen, die dann meine Wangen runter laufen. Dann kann ich die Wolken nicht mehr sehen. Jedes mal, wenn ich nach oben blicke.“
Ich streiche ihr liebevoll über die Wange: „Ich bin mir sicher, dass du es schaffst. Du bist eine Löwin und Löwen kämpfen nunmal. Sie können gar nicht anders.“

 

 

 

Die Stille

Es ist schon spät und ich liege mit dem Bauch voran auf meinem Bett.
Draußen ziehen große schwarze Vögel am bunten Abendhimmel ihre Kreise.
Ich schließe die Augen und höre leise, wie die Stille eine sinnliche Melodie spielt.

Gestern, gestern habe ich sie zum ersten Mal gesehen – seit dem dunkelsten Tag meines Lebens.

Ich ging am Spielplatz vorbei.
Er ist ein Ort der verehrenden Unruhe.
Ein verlassenes Plätzchen Erde.
Schon lange erklingen hier keine Kinderstimmen mehr.
Denn ich lebe in einer Gemeinde, die fast Menschenleer ist.
Schuld daran – die Dürre, die sich vor einiger Zeit langsam aber beständig in unsere Häuser, Straßen, Körper und Seelen nagte.

Ich habe kaum etwas zu essen, geschweige denn etwas zu trinken.

In den Städten haben sie eine künstliche Flüssigkeit entwickelt, die Menschen am Leben hält. Doch sie werden alle krank. Sie leben, aber sie sind krank.

Ich bin hier geblieben. Ich bringe es einfach nicht übers Herz das Haus zu verlassen indem ich einst so glücklich war. Ich wandere oft alleine durch die leeren Zimmer und kann die Anwesenheit meines Mannes in kleinen vergänglichen Momenten spüren. Ich erinnere mich wie er dort drüben am Fenster stand und die Erdbeerpflanzen auf dem Fensterbrett goss. Er warf mir einen liebevoll neckischen Blick zu. Das Sonnenlicht verfing sich in seinem Haar und die Sommersprossen auf seinen Wangen leuchten dominant.

Es war ein friedlicher Moment – es war der letzte friedliche Moment.

Oft legen die Sandstürme einen Schleier aus kleinen Steinen über Gehwege, Autos und Fensterschreiben. Auch die bunten Farben des Klettergerüstes sind längst unter der bräunlichen Decke verschwunden. Meist laufe ich mit schnellem Schritt durch die Ortschaft, damit mich die einsame Traurigkeit, die sich über die öffentlichen Plätze ergießt, nicht vereinnahmen kann.
Doch aus irgendeinem Grund lief ich heute langsamer am Spielplatz vorbei, langsamer als sonst. Und da sah ich dich. Deine langen blonden Haare umschlungen dein Gesicht, um liebevoll auf deinen Schultern zur Ruhe zukommen. Deine blauen Augen versetzen mich in eine vor Liebe strotzenden Schockstarre.Mit deinen Händen bautest du einen kleinen Hügel aus Sand. Du warst in der Lage mit Bedacht das Element, das zum Symbol einer dunklen Zeit geworden war aus seinem Kontext zu reißen und es liebevoll spielerisch in Kunst zu verwandeln.

Du lächeltest mich an und da wusste ich sofort wer du warst.
Als du einen Schritt auf mich zu machtest, bekam ich Angst.
Mein Herz fing zu rasen und das Blut schoss mir ins Gesicht.
Ich drehte mich auf der Stelle um und rannte, ich rannte und rannte und rannte.
Ich wollte nur noch nach Hause.

Vor meine Augen verschwommen die Häuser, meine Lunge verkrampfte sich und ich fühlte mich so, als würde mir jemand mein Herz aus dem Torso reißen.

Mit letzter Kraft kam ich an meinem Haus an und ließ meinen in Qualen schwimmenden Körper auf die mit Sand bedeckte Fußmatte fallen. Mein Körper war so ausgetrocknet, dass ich ohne Tränen weinte. Bitterlich weinte.

Ich hatte meine Tochter gesehen. Meine Tochter, die vor zwei Jahren mit meinem Mann in einem der ersten Sandstürme ums Leben kam. Das Auto, in dem sie sich befanden, wurde brutale auf Seite geworfen. Es gab kein Entkommen.

Ich schleppte mich in den ersten Stock hinauf zu meinem Schlafzimmer.
Dort liege ich nun mit dem Bauch voran auf meinem Bett.
Draußen ziehen große schwarze Vögel am bunten Abendhimmel ihre Kreise.
Ich schließe die Augen und höre leise
wie die Stille eine sinnliche Melodie spielt.

Die Stille, die zu einem großen Teil meines Lebens wurde.

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