Welche Feder übersteht den Kampf?

„Werden wir das Meer sehen?“ – fragt sie leise.
„Ich weiß es nicht.“– antworte ich.
Meine Finger fahren über die Regentropfen, die langsam am Festen hinunter laufen.
„Manche Nächte sind dunkler als andere, weißt du. Dass heißt nicht, dass morgen nicht die Sonne aufgeht. Sie wird aufgehen. Da glaube ich fest dran.
Aber zuerst wird es still sein. Sehr still. Aber sogar während der Stille kannst du die Sterne am Himmel zählen. Und währenddessen du sie zählst, kannst du dir vorstellen, dass in jedem kleinen Stern ein kleiner Funken Hoffnung darauf wartet, geweckt zu werden.“
„Aber es regnet doch gerade.“ – haucht sie leise.
„Ja das stimmt, es regnet. Ziemlich doll sogar.“
Wir biegen auf einen Feldweg ein. Das Auto ruckelt sanft, währenddessen es über Stock und Stein gleitet. Sie guckt verstohlen aus dem Fenster. Ich sehe Gänsehaut auf ihren Armen. Sie zittert leicht.
Ich bringe den Wagen zum Stehen. Lege einen Arm um sie und flüstere: „Du bist das stärkste Mädchen, das ich kenne. Du hast sicher einen so starken Blick, einen so starken Blick, der durch die Wolken geht, oder?“
Sie dreht langsam ihren Kopf zu mir und schaut mich an: „Ich weiß nicht, ob mein Blick so stark ist. Jedes mal wenn ich nach oben gucke, fallen Wassertropfen in meine Augen, die dann meine Wangen runter laufen. Dann kann ich die Wolken nicht mehr sehen. Jedes mal, wenn ich nach oben blicke.“
Ich streiche ihr liebevoll über die Wange: „Ich bin mir sicher, dass du es schaffst. Du bist eine Löwin und Löwen kämpfen nunmal. Sie können gar nicht anders.“

 

 

 

guerrière

Ihr verwundeter Körper steht elegant am Rande ihres Zimmers und blickt hinaus.
Der Wind vergräbt sich in den weißen Vorhängen, die das Fenster rahmen.
Ein blaues Seidentuch ziert ihre Taille. Unter dem zarten Stoff zeichnen sich die Umrisse eines tiefen Schnittes ab.
Ein kleiner Tropfen Blut löst sich aus der Wunde und rollt verspielt ihre Hüfte entlang. Er findet sein Ende auf dem Fußboden, wo er in kleine Einzelteile zerspringt.
Den Raum erfüllt ein leicht schwingender Klang des Klaviers. Verbissen lieblich dringt er durch jedes Möbelstück. Er umschließt ihre Haare und dringt in ihre Schultern ein. Sie fängt leicht im Takt an hin und her zu wiegen. Dabei streichen ihre Finger langsam über ihren Unterarm. Die Fingerkuppen umkreisen Narben und Verbrennungen.
Doch ihre Augen sind mit Stolz erfüllt. Ihre Lippen formen ein unwiderstehliches Lächeln.
Sie liebt den Kampf. Sie liebt ihren Körper. Sie ist in ihm zuhause.

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