Ihre versteht die Welt nicht mehr – ich sag euch warum

colorful bricksEin ganz normaler Start in den Tag. Ich renne meinen Nachbarn um, weil ich in Gedanken stetig an meinem Luftschloss baue. Ich verspreche ihm entschuldigend ein großes Schlafzimmer im Nordturm und laufe zum Bäcker. Dort kaufe ich ein kleines Stück Urlaub in Form eines Erdbeertörtchen und bekomme sogar meine Bahn.
Man hätte meinen können es wird ein schöner, normaler, ereignisarmer Tag.
Doch diese idyllische Stille sollte nur die Ruhe vor dem Sturm sein.
Denn mein lauwarmes Bad im gemütlichen Alltag nahm eiskalt ein erprobtes Ende als sich zwei Mädchen in der Bahn nehmen mich setzten. Sie unterhielten sich lautstark. Beim dem Versuch nicht hin zu hören kapitulierte ich inständig.
„Was machst du denn zu deinem Geburtstag?“, fragte die eine.
„Meine Mom hat eine Schnipsel Jagt für uns geplant“, lautete die Antwort.

(Dramatische Pause)

Es war um mich geschehen. Eine SCHNIPSEL JAGT? Ich musste so laut anfangen zu lachen, dass sich die gesamten Passagiere panisch zu mir umdrehten.

Denn lieber Leser, ich kann mit hoher Wahrscheinlichkeit sagen, dass ich nicht die einzige bin, die dachte, dass das lustige Spiel, bei dem man durch Spätis und Bäcker rennt SCHNITZEL JAGT heißt. Ich bin mir immer noch nicht sicher wer hier Recht hat. Das Mädchen oder ich. Obwohl Schnipsel Jagt zu meinem Bedauern sehr viel mehr Sinn machen würde. Außer ihre Eltern sind Metzger. Ok, der war nicht.

Ich stieg eine Station früher aus, weil ich frische Luft brauchte. Erschöpft ließ ich mich auf einer Bank nieder. Ich kramte zunächst in meiner Handtasche nach einem Stift und anschließend in meinem Gehirn nach den größten sprachlichen Missverständnissen meiner Kindheit, Jugend und ja, auch meines Erwachsenseins.

1. Die Postleitzahl war für mich lange die Postleihzahl. Logisch, denn wer auch immer ein Brief versenden möchte, muss sich bei der Post vorher eine Zahl leihen, damit der Brief auch ankommt.

2. Das Zweite was mir einfiel, ist einer Ringbahnstation: Der Insbrucker Platz. Meine geografischen Kenntnisse als Kind reichten von Zuhause zur Grundschule und wieder zurück. Die Klassenfahrten gingen zum Wannsee und ein Ausflug zum Ikea in Spandau dauerte „Stunden“. (Das in Ikea in Tempelhof existierte damals noch nicht). Anyways, anstatt Insbrucker Platz verstand ich Insburger Platz. Ich war felsenfest davon überzeugt, dass hier mal einer Burg stand und der Name davon abgeleitet wurde. Als ich das Bahnhofsschild zum ersten Mal „richtig“ lass, kippte ich vor Schreck fast vom S-Bahnsitz. Ich sollte das Bahnfahren lassen.

3. Der Schilderwald des deutschen Verkehrssystems ist wenigstens eine minimale Entschuldigung für das nächste Missverständnis meiner Kindheit. Gas weg Schule. Dazu ein Tempolimit von 30.
Ich habe wirklich lange, viel zu lange, gedacht, dass es unter der Straße neben der Schule eine Gasleitung gibt, die durch zu große Erschütterung explodieren könnte. Daher mussten Autos langsamer fahren.

4. Das nicht alle Menschen nur immer gute Absichten haben, wurde mir in der Grundschule eingetrichtert. Wieso böse Menschen dann aber eine Freiheitsstrafe bekamen, war mir sehr lange ein Rätzel. Warum um Himmels Willen wird jemand mit Freiheit bestraft. Nicht nachvollziehbar.

5. Ich dachte bei Gehwegschäden handelt es sich um Personen, die traurig sind, weil jemand gegangen ist. Ich Romantiker.

Für das eventuell bröckelnde Weltbild übernehme ich keine Haftung.

P.s. An und Pfirsich ist heute ein guter Tag

Das musste mal gesagt werden

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Es ist mal wieder ein ganz normaler Tag.

Ich stehe auf und knalle mit dem Kopf gegen mein noch schlafendes Einhorn.

Warum Einhörner im Stehen schlafen, ist mir ein Rätsel. Kommt bestimmt daher, weil sie mit Pferden verwandt sind.
Aber ich bin immer noch der Meinung, dass ein Einhorn doch eigentlich der Inbegriff von Perfektion sein sollte. Und eine perfekte Kreation schläft definitiv im Liegen. Eingemummelt in Herzkissen und Daunendecken mit einem kleinen Teddy im Arm der ein Herz auf den Bauch genäht hat.

Naja, mein Einhorn liegt nie. Es steht. Hat das eine Vorderbein leicht eingeknickt und schnarcht leise vor sich hin, während ich mir schmerzerfüllt über die Stirn streiche.

Ich torkel ins Bad und öffne den Spiegelschrank. So einer der in Horrorfilmen immer benutzt wird. Ich mache ihn zu und erschrecke mich tierisch, eben wie im Horrorfilm, vor der kleinen Gewitterwolke, die es sich über meiner Badewanne bequem gemacht hat.
Ich erschrecke mich sogar so doll, dass mir mein Herz ins Gehirn hüpft.
Von da an sehe ich alles nur noch in rosa. Aber nicht so ein liebliches Rosa, eher so ein gehirnfarbendes Rosa. Das macht auch Sinn.
Ich drehe mich zur Gewitterwolke um und frage sie schlaftrunken, was sie bitte in meinem Bad zu suchen hat.
Sie antwortet in einem britischen Akzent. Sagt sie hat Angst sich nicht mehr frei in Europa bewegen zu können und sei daher ausgewandert. Nach Deutschland. Nach Berlin. In mein Badezimmer.

Ich seufzte tief. Meine Nachbarn kommen sowieso nicht mehr vorbei, seit ich das Einhorn habe. Frau Raabe von neben an hat mir sogar gedroht sie würde mich bei dem Vermieter melden. Es sei laut Mietvertrag verboten größere Tiere als Katzen in der Wohnung zu halten. Der Vermieter wird mich und mein Einhorn dann aus der Wohnung schmeißen und ich würde für immer auf der Straße leben, weil der Wohnungsmarkt in Berlin einem Schlachtfeld gleicht. Und Einhörner sind sehr schlechte Kriegshelden. Wo sie recht hat.

Ich schätze den Sachverhalt jedoch so ein, dass Einhörner in Mietwohnungen mehr so eine Grauzone sind.

Noch habe ich keine Mahnung von dem Vermieter erhalten. Er denkt jetzt sicher nur, dass Frau Raabe verrückt ist. Es gibt ja schließlich keine Einhörner. Ha! Richtig blöd für meine Nachbarn, dass ihnen keiner glaubt. Witzig wie das Gehirn funktioniert. Wenn man fest daran glaubt, dass es etwas nicht gibt, dann existiert es auch nicht.

Ich denke kurz nach und erlaube der Gewitterwolke zu bleiben. Einzige Bedingung, sie muss sich um das Gießen meiner Topfpflanzen kümmern und darf nur den Toaster ab und an mit Blitzen massakrieren. Sollte eine Sicherung raus fliegen, muss sie dem Einhorn Bescheid sagen, diese wieder rein zu drehen.

Der Deal steht.

Ich gehe zur Arbeit. Irgendwie ist eine Welt, die in gehirnrosa gefärbt ist gar nicht so schlecht anzusehen.
Der Arbeitstag ist harmlos. Ich kippe Kaffee über meinen Laptop und erwische meine Chefin, wie sie den Jogurt meiner Kollegin auffrisst. Sie wird rot und rennt aus der Küche. Später finde ich einen Umschlag mit der Aufschrift WEHE DU REDEST (zusammengewürfelt aus Zeitungsschnipseln) in meiner Schublade. Der Inhalt: 10.000 Euro. Ich nehme das mal so hin.

Zuhause angekommen. Der Stromkasten ist voller Glitzer. Vielleicht muss die Gewitterwolke wieder ausziehen, denke ich.
Im Wohnzimmer sitzt sie auf dem Sofa und guckt the Mentalist.
Ich setze mich zu ihr und vergrabe meinen Kopf hin ihrem Körper.

Ohje, ihr könnt euch nicht vorstellen, wie flauschig Gewitterwolken sind.