I don’t like yellow, but I like you.

„Ich wollte euch mal wieder schreiben“, ritze ich mit meinem Schlüssel in die Innenseite einer U-Bahntür. Ein Mann ohne Haare beobachtet mich. Ich überlege kurz, ob er mich wohl tiefgründig verabscheut, merke dann aber, dass es mir egal ist und steige aus.
Die Luft am Bahnhof ist kühl. Hinter mir schließen sich die Türen und meine Wandalismus-Kunst geht auf Reisen.
Ich beschließe den Abschiedsschmerz ein wenig zu genießen und fange an, ohne mich vom Fleck zu bewegen, eine Zigarette zu drehen. Ich habe lange nicht mehr geraucht. Das Nikotin zettelt sofort eine Streit mit meinem Körper an und gewinnt. Als ich gerade dazu ansetzen will mir eine essentiell-philosophisch Frage über Schwindelzustände als Konstrukt des alltäglichen Lebens stellen zu wollen, trifft mich ein unerwarteter Spruch am Kopf: „Komm se mal von der Bahnsteigkante weg Mädel.“ Hinter mir taucht ein kleine, dicker Mann mit gelber Warnweste auf. Er sieht so aus, als würde er zuhause eine Vogelspinne hüten oder Würstchen aus dem Glas essen oder beides. In seiner linken Hand hält er einen Rucksack. Ich gucke ihn wohl ein bisschen zu lange und zu durchdringen an, da er plötzlich zu schreien beginnt. Weil ich nicht weiß, wie ich ihn beruhigen soll, schenke ich ihm meine Handtasche. Daraufhin fühle ich mich irgendwie frei. Ich laufe weg.
Mein abendlicher Spaziergang endet bei einem Imbiss. Vor einer Weile hat mir jemand gesagt, dass er die Menschen verabscheut, die Pommes mit Mayo essen. Ich bestelle mir Pommes mit Mayo und fühle mich seit langem wieder richtig gut.

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Eisen und Zucker

*Nichts an diesem Text ist autobiografisch. Er ist ein Zusammenschluss eines Traumes, der von meinem letzten Filmdreh beeinflusst ist und weiterführenden Gedanken. Mama, bitte mach dir keine Sorgen.

Ich sah ihn an. Nichts ahnend, dass hinter seinen Augen die Energie eines Wolfes schlummerte. Seine gewellten Haare legten sich spielerisch um sein Gesicht.
Ich gab ihm alles, was ich hatte. Nur um zu sehen, was er damit machen würde.
Er trug ein Stück Fell um den Nacken. Es bäumte sich auf, wenn er zu lachen begann.
Wo ist der Anfang? Fragte ich mich. Wo ist der Anfang von allem Übel?
Als er zugriff wusste ich bereits, dass ich gefangen war. Gefangen in einem Strudel aus Zufällen, die mich zu diesem Ort brachten. Fernab von der Stadt. Fernab von der Sicherheit, in die ich mich tagtäglich einhüllte.
Ich musste kämpfen. Es ging nicht anders. Also stach ich zu.
Das Messer hatte mir eine alte Dame gegeben. Sie saß hinter einem vollgestellten Flohmarkttisch. Mich fest im Visier. Ihre Augen waren hellblau und ihr Gesicht halb in sich zusammengefallen.
Sie gab mir das Messe für sieben Pfund. Es hatte eine Feder eingraviert. Einmal, als ich auf die Bahn wartete, zählte ich meine Adern, die durch die Haut meines Handgelenk schimmerten, wenn ich das Messer mit aller Kraft festhielt. Doch wo beginnt eine Ader und wo findet sie ihr Ende? Im Herzen? In der Klinge? Im Unaufhaltbaren?
Ich liebe den Menschen, zu dem ich wurde, als das Blut an sich an der Messerspitze sammelte und zu Boden tropfte. Als nächstes spürte ich seine Faust in meinem Gesicht. Danach wurde alles Schwarz.
Was macht den Menschen zu einem Menschen? Ich glaube es ist die Fähigkeit Rache zu nehmen.
Nicht sofort zuzubeißen, sondern von langer Hand zu planen und sich auszumalen wie der Moment sein wird, indem man sich seine Macht zurück holt.
Macht ist sowieso etwas Sonderbares. Macht ist eigentlich eine Illusion. Sie kann nicht ohne einen Machtlosen passieren. So wie die Rache auch. Rache ist auch eine Illusion, die nicht von alleine passiert. Auch das Blut ist eine Illusion und so die Klinge am Messer, das ich nun ins Sonnenlicht hielt. Das Blut war getrocknet. Blut hält nicht gut an glatten Oberflächen, aber ich sah hier und da einen kleinen roten Fleck.
Mein rechts Auge war zugeschwollen, was den Besuch im Supermarkt spannend gestaltete.
Ich fühlte mich wie eine Kriegerin, als ich mit einer Cornflakes Packung zur Kasse lief.
Das war mein Moment und er schmeckte nach Eisen und Zucker.

Inken Paland 6 – LEON Actors & People © Fotograf Clemens Bauerfeind

Ich bin hell. Du bist hell. Er/sie/es sind hell.

Von meinem Zimmerfenster aus, sehe ich die Bahnen im Minutentakt in das dunkelgraue Bahnhofsgebäude rauschen. Wie nackte Schnecken schlängeln sich die Züge, auf der Suche nach Schutz, in das marode Gebäude. Manchmal, wenn ich etwas zu lange wach bin und sich der Zigarettenrauch vor meine Augen schiebt, glaube ich, dass der Bahnhof eine Illusion ist. Eine Illusion der Pendler, Mütter mit Kinderwägen und Halbstarken, die herumstehen und Bier trinken.
Ich glaube, nein ich weiß, dass der Bahnhof viele Geheimnisse trägt. Einige eingemauert, andere schweben frei herum.
Mit jedem Menschen, der sich vom Bahnsteig in einen Zug begibt, verschieben sich Lügen und setzen sich in Bewegung. Gesten und heute. Morgen und übermorgen.
Wenn ich einmal in einen Zug steige sehe ich bei der Abfahrt manchmal die Umrisse meines stetig wartenden Ichs.
Ich führe in diesem Moment ein Doppelleben. Ein Leben des Stillstandes und eines der Bewegung. Ich glaube dennoch, dass die Wahrheit meines wirklichen Daseins irgendwie dazwischen liegt. Zwischen Zug und Bahnsteigkante. Zwischen gut und böse. Zwischen dem Hier und dem Jetzt.
Mich fasziniert auch die Idee des nächsten Bahnhofes. Erst in dem Moment in dem ich ankomme, weiß ich, dass er existiert. Sic mundes creatus est . Wie fühlt es sich wohl an, wenn die Welt um dich nur wenige Sekunden vor deinem Eintreffen entsteht?
Was ist, wenn jeder nur einen oder zwei Quadratmeter gebastelter Welt mich sich herumträgt und allein durch die Kreuzwege entsteht die Stadt, in der wir leben?
Die Frage ist nur, ob eine einmalig erschaffene Welt für immer besteht? Nach dem Motto: Was man sät, das wird man ernten. Oder sind wir allein die Nutznießer in den von fremder Hand erschaffenen Weltabschnitte?
Bei den ganzen philosophischen Gedanken schmerzt mein Kopf.
Dazu trägt auch das grelle Licht des wackelnden Wagonabteils bei.
Die Welt vor dem Fenster verschwimmt. Das ganze Außen wird zu einer Masse. In diesem Moment ist im Außen alles Jetzt. Alles ist jetzt.
Wir halten abrupt an.
Vor uns steht ein Zug. Wir können nicht weiterfahren. Aus Langeweile nehme ich wahr wie der Zug mit den Schienen verschmilzt. Und dann verschmelze ich mit dem Zug. Wir werden eins. Das Mondlicht fällt auf die zerkratzen Scheiben. Das Graffiti an der Wand erleuchtet. Ich erkenne Zeichen. Omega und Alpha.
Dann steigt eine alte Frau ein und verscheucht mich berechtig von meinem Sitz. Die Zug-Ich Symbiose löst sich auf und so auch die Illusion.

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Ich würde ja, wenn ich könnte, aber ich will nicht.

Kurz habe ich nicht aufgepasst. Ganz kurz dachte ich, ich könnte den Eiswürfel-Flamingo in meinem Glas zugucken, wie er geschickt auf einer kleinen Welle hin und her wippt. Kurz habe ich mich in Sicherheit gedacht. Das Blaulicht ignoriert. Die Menschen ignoriert, die ihre tanzwütigen Körper an mir vorbeischoben. Kurz war ich ganz alleine. Dann sah ich dich.
Du standest am anderen Ende des Raumes. Deine langen Haare wellten sich sobald sie die Schultern erreichten. Deine blauen Augen starrten mich an. Nur Sekunden später realisierte ich, wie ähnlich du mir warst. Deine orange Hose bis zu den Knien hochgekrempelt. Deine zerknitterte Bluse in die Hose gesteckt. Deine Hände in stetiger Bewegung.

Ich schreibe viel über die Traurigkeit. Aber dieses mal nicht. Heute nicht. Heute ist nämlich der schönste Tag meines Lebens. Und Morgen ist auch der schönste Tag meines Lebens. Und Übermorgen…auch. Oft habe ich das Gefühl nicht in diese Welt zu passen. Das ist gut so. Ich möchte sie nämlich verändern. Wenn wir alle in sie hineinpassen würden, dann wären wir nur ein weiteres Teil eines Puzzles, welches irgendwann fertig ist. Welches, wenn es ganz schlimm kommt, fixiert irgendwo an einer Wand hängt. In einem dunkelbraunen Bilderrahmen.
Ich möchte kein Teil eines fertigen Puzzles sein. Ich möchte ein Teil einer Vision sein. Einer Vision, die nach einer Mischung aus Weinblättern und Pistolenpulver riecht.

Gestern habe ich eine kleines Liebesgeständnis in einer Ananas geritzt. Langsam bohrte sich das Messer durch die Schale und hinterließ Fugen der Kommunikation. Erst als ich fertig war bemerkte ich, dass die Idee nicht ausgereift war. Zitrusfrüchte dürfen nämlich nicht ins Flugzeug. Jetzt kann ich sie dir nicht geben. Die Ananas. Die Nachricht.
Aber das ist okay. Vielleicht werde ich dich einfach küssen. Und vielleicht wird der Kuss einfach ein bisschen nach Ananas schmecken. Und vielleicht ist das auch schon alles worum es hier geht.

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07:45

Bildschirmfoto 2019-06-25 um 07.36.37Eine wunderbare Weise die Welt zu sehen, ist indem man versteht, dass die Züge immer dann im Tal vorbei rauschen, wenn sie es sollen. Dass wir immer dann Schmerz und Freunde spüren, wenn es für uns an der Zeit ist.
Es ist nun 07:45 und SIE steht vor mir. Ihre Augen voller Hoffnung. Ihr Kleid zerschnitten und auf ihrem Kopf thront eine Narbe. Sie ist der letzte Sonnenstrahl, der sich über mein Frühstück legt. Ich kann sehen wie sich die Haferflocken in meiner Schüssel vor Freude anfangen zu umarmen. Liebevoll steigen auch die Rosinen mit ein. Group hug in my Müsli bowl all day long. Ein wahrer Augenschmaus.
Ich greife nach meine Kaffeetasse, als sich plötzlich Tränen auf meinen Wangen bilden. Sie laufen hinunter, als könne sie nichts und niemand aufhalten. Jede Träne fällt leichtfüßig auf den Steinboden unter meinen Füßen und ergibt dabei einen lieblichen Klang. Nach einer Weile ist die Luft gefüllt mit einer Symphony der Extraklasse. Nachbarn kommen aus ihren Häusern und bilden einen Halbkreis um mich, um meinem Tränenkonzert zu lauschen. Sie haben Decken und Stühle mitgebracht und schauen mir zu. Dabei trinken sie Cola aus Dosen, ziehen ihre Sonnenhüte tief ins Gesicht und wippen mit dem rechten Fuß im Tackt. Es ist eine sonderbare Welt denke ich mir, als mir ein alter Herr ein Stofftaschentuch reicht. Es ist eine sonderbare Welt.

Wasser ist kein Ort

Ohne die Augen zu schließen rannte ich auf mein Ziel zu.
Meine Füße waren durch die Pfützen, des gerade noch auf die Erde aufschlagenden Regens, durchtränkt. Meine Hand schmerzte. Der Biss hatte sämtliche Hautschichten durchtrennt und ließ nun ungehindert dicke Bluttropfen ins Freie treten.
Mit jedem Sprung zog die rote Flüssigkeit weitere Linien über meine Handfläche.
Die mich umgebende Stille wurde nur durch die Trägheit meines Körpers gestört. Mein Atem war unruhig und ich konnte das Klopfen meines Herzens im tiefsten Inneren meines Kopfes spüren.
Als ich an den Toren ankam, sah ich ein kleines Mädchen auf der Mauer sitzen. Ihre goldenen Haare hatten sich verspielt über ihre Schultern gelegt. Sie hielt den Kopf leicht schief und schaute mich mit großen Augen an. Ich konnte die untergehende Sonne in ihrer Iris aufblitzen sehen. Also ihr Blick auf meine nassen Schuhe traf, sah ich ein flüchtiges Lächeln über ihr Gesicht huschen, gefolgt von einem mit Liebe durchtränkten Blick.
Sie machte eine kleine Bewegung mir ihrer linken Hand und die eisernen Türen setzen sich unter Dröhnen in Bewegung. Nach wenigen Sekunden konnte ich den Brunnen sehen. Das Wasser funkelte und kleine Regenbogen entstanden durch die feinen Tropfen die in der Luft lagen. Ich trat in die Festung hinein und realisierte nur einige Sekunden später, dass alle Menschen ihre Arbeit niederlegten, um mir dabei zuzugucken, wie ich meinen müden Körper über den Platz schleppte.
Nun sitze ich am Brunnen und halte meine schmerzende Hand in das kühle Wasser. Ich spüre die durchdringende Aufmerksamkeit von tausend Augenpaaren, die jegliche meiner Bewegungen verfolgen. Ein kleiner Junge kommt angelaufen. Über seinem Auge thront eine lange Narbe. Ich lege behutsam meinen Finger auf das kleine Stück schmerzvoller Vergangenheit und lächle ihn an. Er greift meine gesunde Hand „bitte geh nicht.“
Aber für mich ist es schon längst an der Zeit. Ich befreie mich aus seinem lockeren Griff. Steige auf die Mauer des Brunnens. Ein letztes Mal blicke ich mich um, dann spüre ich, wie sich das Wasser durch jede Faser meiner Kleidung drängt, um anschließend meine Haut leidenschaftlich zu umringen.
Es hatte mich Wochen gekostet um zu verstehen, dass mein Zuhause immer hier war. Hier im Wasser. Hier in der Stille. Hier in der Schwerelosigkeit.

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Welche Feder übersteht den Kampf?

„Werden wir das Meer sehen?“ – fragt sie leise.
„Ich weiß es nicht.“– antworte ich.
Meine Finger fahren über die Regentropfen, die langsam am Festen hinunter laufen.
„Manche Nächte sind dunkler als andere, weißt du. Dass heißt nicht, dass morgen nicht die Sonne aufgeht. Sie wird aufgehen. Da glaube ich fest dran.
Aber zuerst wird es still sein. Sehr still. Aber sogar während der Stille kannst du die Sterne am Himmel zählen. Und währenddessen du sie zählst, kannst du dir vorstellen, dass in jedem kleinen Stern ein kleiner Funken Hoffnung darauf wartet, geweckt zu werden.“
„Aber es regnet doch gerade.“ – haucht sie leise.
„Ja das stimmt, es regnet. Ziemlich doll sogar.“
Wir biegen auf einen Feldweg ein. Das Auto ruckelt sanft, währenddessen es über Stock und Stein gleitet. Sie guckt verstohlen aus dem Fenster. Ich sehe Gänsehaut auf ihren Armen. Sie zittert leicht.
Ich bringe den Wagen zum Stehen. Lege einen Arm um sie und flüstere: „Du bist das stärkste Mädchen, das ich kenne. Du hast sicher einen so starken Blick, einen so starken Blick, der durch die Wolken geht, oder?“
Sie dreht langsam ihren Kopf zu mir und schaut mich an: „Ich weiß nicht, ob mein Blick so stark ist. Jedes mal wenn ich nach oben gucke, fallen Wassertropfen in meine Augen, die dann meine Wangen runter laufen. Dann kann ich die Wolken nicht mehr sehen. Jedes mal, wenn ich nach oben blicke.“
Ich streiche ihr liebevoll über die Wange: „Ich bin mir sicher, dass du es schaffst. Du bist eine Löwin und Löwen kämpfen nunmal. Sie können gar nicht anders.“

 

 

 

Die Welt ist ein bisschen kleiner als erwartet.

Ich bin ja eigentlich gar nicht gekommen um zu bleiben.
Ich bin ja eigentlich nur gekommen, um ein Stück Tiramisu aus dem Kühlschrank zu stehlen. So ein gutes Stück Tiramisu mit weichem Boden, bei dem der Alkohol leicht in der Nase zieht, sobald der erste Bissen die Zunge berührt.

Gestern wollten Freunde zu Besuche kommen. Gestern war Sonntag.
Ich wollte Wein kaufen und diesen meinen Gästen anbieten. Doch ich verbrachte meine Zeit lieber damit meinen Kopf auf die Oberschenkel meines Freundes zu legen, in den blauen Himmel zu starren und darüber nachzudenken wir viele Halswirbel ein Schwan hat.
Ich glaube es sind 17. So alt wäre ich gerne mal wieder: 17.
Siebzehn ist sowieso eine eigenwillige Zahl. Sie sollte mehr Aufmerksamkeit bekommen. Morgen, das nehme ich mir vor, stecke ich 17% mehr Motivation in meinen Gang zur U-Bahn.
Ich werde 17% mehr Trinkgeld für meinen Kaffee geben und 17 Mal weniger auf mein Handy schauen. Ich werde mein Müsli in 17 Bissen essen und meine Kissen 17 Minuten lang auslüften.

Aber zurück zu meinem Besuch.

Bei den ganzen Gedanken an Halswirbeln habe ich nämlich den Wein vergessen. Dann bin ich schnell zu meinem Papa geflitzt. Er wohnt nicht weit weg. Er hatte keinen Wein, aber Gin. Auf dem Schrank. Den Gin, den ich vor Jahren mit meinen Freundinnen getrunken und durch Wasser ersetzt hatte, damit meine Eltern nichts merken. Ich stehe jetzt also mit einer Gin-Flasche voller Wasser im Hausflur und das Licht ist ausgegangen. Die Angst vor der letzten Stufe einer im Dunklen zu bewerkstelligen Treppe erklimmt mich. Gibt es noch eine Stufe? Ist die letzte Stufe eine Illusion? Werde ich gleich stolpern und das Gin-Wasser auf dem Boden verteilen?

Nein, ich bleibe unverletzt.

Mein Besucht bekommt Wasser mit Zitrone – nach einer Weile sind alle etwas angetrunken. Ich freue mich darüber.

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I’m not happy. You are.

Traurigkeit ist ja so Mainstream. Das war vielleicht mal cool in 2017.

Das Schlimmste am traurig sein ist, das es so wenig originell ist. Weinen. Nichts essen. Whatsapp – Nachrichten nicht beantworten. Nicht mehr weinen. Im Bett liegen bleiben. Phantomschmerzen erzeugen. Echte Schmerzen ignorieren.

Ich muss aufstehen. Nehme mir stark vor vom Imbiss Pommes zu kaufen.
Elon Musk hat in der Zeit, in der ich überlegt habe meine Zähne zu putzen bestimmt eine Rakete gebaut, die allein mit Sonnenenergie zum Mars fliegen kann. Musk retten die Menschheit. Ich rette mein Bett vor der Einsamkeit. Deal!

Der Weg zum Bad ist heute besonders steinig. Ich steige über einen schlafenden Menschen, der im Flur neben einer leeren Mate Falsche liegt. Jetzt merke ich meine Kopfschmerzen. Au.

Draußen scheint die Sonne. Die Pommes habe ich an der Bushaltestelle liegen lassen.
Ich suche deinen Namen am Klingelschild. Er steht dort neben sieben anderen. Ich bin mir aber sicher, dass es nur eine dreier WG ist. Naja vielleicht haben die anderen ja mehrere Persönlichkeiten. Soll es auch geben.

Du stehst im dämmrigen Licht deines fensterlosen Flurs. Ich falle dir in die Arme.
Alles was ich will ist bleiben und auf deinem Röhrenfernseher Aufzeichnungen von längst vergangenen MTV Shows sehen. Dann will ich mich unter deiner Wolldecke an deine Brust kuscheln und einschlafen, währenddessen du mir mit deinen Fingerspitzen über den Rücken streichst.

In meinen Träumen werde ich mich alleine fühlen, aber alles wird leuchten. Das schlimmste an der Traurigkeit ist, dass sie so wenig originell ist. Niemand hat mehr Bock drauf. Jeder hat’s schon tausend Mal gesehen.

Ich wache auf – lasse die Augen zu. In Gedanken male ich ein imaginäres Herz mit Lippenstift um deinen Bauchnabel.

Das tut gut.

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Don’t go with the flow – leave with me!

Ich stehe still auf dem Bahnsteig. Die Rolltreppe die eben noch ihren niemals endenen Trotz nachging, bleibt plötzlich stehen und lässt mich mit dem kalten Steinboden, den Gleisen und dem dämmrigen Bahnhofslicht zurück.
Der Wind liegt mir leicht in den Haaren und ich frage mich, ob sich so der Frieden anfühlt. Mitten in Berlin. Nachts. An irgendeinem Montag im März. Alleine.
Ich gewöhne mich an die kalte Luft und die Einsamkeit. Dann kommt die Bahn.
Ich bin aber noch nicht bereit mit anderen Menschen einen Raum zu teilen.
Aber die Zeit sitzt mir im Nacken. Nun gut.
Es riecht nach altem Bier. Ich setzte mich widerwillig neben einen Mann der gekonnt auf seine Schuhe starrt. Ob er wohl ahnt, dass ich über ihn schreibe? Das er Teil eines Textes wird, der bald online für die Welt zugänglich ist?
Ich glaube er hat gepupst. Jedenfalls spannt sich plötzlich sein Körper so komisch an. Ich will wieder zurück auf den gruseligen Bahnhof. Sofort.
Die zuknallenden Zugtüren reißen mich aus meiner stillen Observation.
Türen faszinieren mich. Sie gehen auf oder zu oder sind verschlossen, trennen drinnen von draußen, wichtig von unwichtig.
Früher träumte ich immer von weißen Flügeltüren, die in einen geheimen Zauberwald führten.
Heute habe ich Flügeltüren, aber die führen nur ins Wohnzimmer. Beschweren möchte ich mich nicht. Das würde ich nie. Meine Flügeltüren sind nämlich so hoch, dass ich leicht hüpfen muss, wenn ich ein frisch gewaschen Laken aufhängen will.
Trotz der Verwirklichung des Flügeltürentraumes bin ich manchmal traurig. Wir Menschen können einfach nicht genug bekommen. Das ist doch unfassbar. Wie viele Flügeltüren braucht es denn bitte, um glücklich zu sein? Zehn? Zwanzig?
Ich verspüre den deutlichen Drang das Bier in meinem Rucksack meine Kehle runterzukippen. Aber das brauche ich noch. Ich überrasche nämlich meinen Freund und hole ihn vom Flughafen ab.
Ich habe zwei Tassen mit, damit wir auf der Rückfahrt eine kleine Tee-Party veranstalten können. Ich habe ihn nämlich vermisst. Sehr.
Die Bahn bleibt plötzlich stehen. Irgendwo zwischen den Bahnhöfen. Ich stelle mir vor, wie ich mit meinem Rucksack das Fensterglas zertrümmere und raushüpfe. Stattdessen fange ich an auf das Handy meines neuen Sitznachbarn zu starren. Er guckt sich Selfies von sich und dem Brandenburger Tor an. Oh Gott, mir wird schlecht.
Schnell wieder gerade aus gucken. Die Bahn fährt weiter. Dunkle Bäume ziehen vorbei.

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