Ein abenteuerlicher Dialog

Die Krise hält sich nicht an Regeln. Und solange wir nicht gestorben sind – sind wir noch am Leben. Diese Relativierung hilft sehr, obwohl der Tod nun wirklich überall lauert. Seit Tagen herrscht in meinem Gehirn wirkliches Chaos. Auf meinem Computer herrscht Chaos. In meinem Herzen herrscht Chaos. In meinen Fingerspitzen herrscht Chaos. Wir schwiegen zu viel, als wir hätten reden müssen und wir redeten zu viel, als wir hätten schweigen sollen und nun befinden wir uns in dem Strudel der endlosen Angst, in der sich Richtigkeit vom Falschen kaum noch unterscheiden lässt. Auch in dir herrscht seit Tagen Chaos und die Frau von gegenüber wirkt auch wie Chaos. Und sogar meine Zimmerpflanzen versprühen Chaos. Ich kann Chaos riechen, schmecken – doch erblicken tue ich es in diesem Fall nur, wenn ich mich konzentriere. Der visuelle Eindruck vom Chaos hält sich in sofern in Grenzen, als das wir durch suboptimale Erklärungen uns das eigene Blickfeld schönreden können. Aber sich einen Geruch oder einen Geschmack schönzureden ist schwierig.  

An manchen Tagen, wenn ich mit dir rede, dann hört sich alles was du sagst an, wie ein großer ironischer Witz. Jedes Wort ist nicht ernst und dann doch wieder ernst gemeint. Es ist ein verflochtenes Versteckspiel, das du da betreibst. Und hinterher fühlen wir uns alle leer.

Heute hat meine Therapeutin gesagt, ich solle meinen Gefühle auf ein Whiteboard schreiben. „AHHHHHH“ war das Einzige was mir einfiel. Sie schaute sehr lange und sehr stillschweigend auf die Buchstaben. Dabei kam in mir die Frage auf, ob bei ihr gerade ein Chaos entfacht wurde oder ob das Chaos sowieso schon lange in ihr zuhause ist, genau wie es in der Frau von gegenüber schon lange zuhause ist. 

So oder so unterbracht sie irgendwann die Stille.

Schön, dass wir keine ahnungslosen Idioten sind und doch fühlt es sich gerade so an, als würden wir als Gesellschaft in Zeitlupe gegen eine Wand fahren. Einige schreien „Achtung, eine Wand!“ und andere schreien „Hurraaa“ und andere sagen „der Aufprall wird schon nicht so schlimm“ und andere sagen „da ist keine Wand“ und wieder andere sagen „wir fahren doch überhaupt nicht, wir stehen still“. Doch im Stillstand, da bin ich mir zumindest sicher, würden wir uns alle auflösen. Nichts ist wirklich still. Außer das Herz eines Tornados – aber das wäre ein sehr kitschiges Ende, für einen doch ernst gemeinten Text.

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