Als ich dich kennenlernte, warst du betrunken.

„Für immer“ schreibst du mir. Ich lege das Handy weg und starre an die Decke. Ich hab dich kennengelernt, da warst du betrunken. Du standest an der Haltestelle, an der die Busse einen ganz weit weg fahren. So weit, dass man nicht mehr die Sprache spricht oder weiß wo der nächste Kreisverkehr ist. So weit, dass man in den Himmel guckt und das Sternbild ist verkehrt herum oder ganz und gar anders. So weit, dass es ganz viel Geld kosten würde jemanden anzurufen oder gar einen Brief zu schicken.
„Kennen Sie Gregor?“ fragte ich dich, weil ich wusste, dass es kein gutes Zeichen war, wenn jemand betrunken alleine an der Haltestelle stand, an dem die Busse einen ganz weit wegbringen.
Du gucktest äußerst verwirrt und das nahm ich dir nicht übel. 
Irgendwann da hatte ich nämlich begonnen, traurige Personen danach zu fragen, ob sie Gregor kennen. Es ist verrückt wie wenige Menschen einen Gregor kennen. Und daher denken die traurigen Personen dann ganz viel nach, ob ihnen vielleicht irgendwann mal ein Gregor begegnet war, in einer Bar oder bei einem Meeting, oder bei einer Dinnerparty eines Freundes. Meist lautet ihre Antwort jedoch „nein“, was mich wiederum dazu brachte immer irgendeine Geschichte über einen Gregor zu erfinden, die in der Situation, in der sich die trauriger Person befand, angemessen war. 

„Gregor ist bei mir ausgezogen“, sagte ich zu dir „und er hat richtig guten Tee zurück gelassen, wissen Sie, Gregor liebte Tee, einmal da war er in Peru und…“, ich unterbracht mich selbst, um in meinem Geschichtenkonstrukt nicht unterzugehen „naja, also wenn Sie wollen, dann biete ich Ihnen einen Tee von Gregor bei mir zuhause an. Keine Sorge Gregor ist auch nun wirklich schon eine Weile weg.“
Ich weiß nicht genau wieso mir Menschen in der Regel sehr vertrauen. Auf jeden Fall saßt du wenige Minuten später bei mir am Küchentisch und schautest in deine Teetasse, mit einem Kräutertee von Rewe, nicht von Gregor und du schienst ein wenig glücklicher zu sein. 

Du erzähltest mir von der Liebe und wie sie dich enttäuscht hatte. Du erzähltest mir von deiner Mutter und wie sie dich enttäuscht hatte. Du erzähltest mir von deinem Beruf und wie er dich enttäuscht hatte. Irgendwann brachst du in Tränen aus. Und die Tränen floßen überall hin. Über deine Wangen, über deinen Hals, über dein T-Shirt, über den Tisch und manche hingen sogar an der Teetasse fest. Ich wickelte dich in eine Decke ein und legte dich aufs Sofa. Da lagst du noch eine Weile mit offenen Augen, schautest in die Kerzen, die vor dir standen, bis dich der Schlaf von deinem Schmerz erlöste. 

An diesem Abend ging ich nicht gleich ins Bett. An diesem Abend hatte ich auch keine Angst. Nicht vor dir oder vor deinem Schmerz. Ich hatte keine Angst vor der Welt oder vor der Zukunft.

Anstatt Angst zu haben, ging ich auf meinen Balkon um zu rauchen. Ich rauche eigentlich nicht, aber du hattest irgendwann zwischen deinen Geschichten eine Schachtel Zigaretten auf den Tisch gelegt, ohne sie anschließend weiter zu beachten. 

Ich blies den Rauch aus meinen Lungen in den Nachthimmel und versuchte Sinn aus einigen meiner Gedanken zu machen. 

Am nächsten morgen blieb nur ein nass-geweinter Zettel mit deiner Telefonnummer zurück.