Zwischen Berlin und München.

Wir haben viel Zeit miteinander verbracht. Auf deinem Dachboden. In dem Café an der Ecke. An dem kleinen Strand vor dem Haus deiner Tante. Der kleine Strand, der uns gehörte. Für einen ganzen Sommer. Der Strand, an dem du deine Zehen im Sand vergrubst, wie ein Kind seine Finger im Kuchenteig. Der Strand, an dem du liebevoll deinen Arm um mich legtest, um mir zu zeigen wie echt alles ist. Also wie echt du bist und wie echt wir sind.

Irgendwann habe ich mich dann aufgehört zu fragen, wieso du mich so anschaust, als wären ich deine Lieblingseissorte. Stracciatella, sagst du. Und ziehst deine Lippe dabei etwas hoch. Stracciatella sei das Beste vom Besten. Dann küsst du meine Nasenspitze. Und ich lasse es einfach zu.  Dann gehe ich zur Arbeit.

Montags arbeite ich nämlich am Flughafen. Es ist ein sonderbarer Ort. Gehandelt wird mit Fernweh und schicken Geschäftsreisen. Wer mit dem Flugzeug zum Job fliegt, der trägt meist kabellose Kopfhörer und eine Portion Autorität mit sich herum. Die Kopfhörer im Ohr und die Autorität auf den Schultern. 

Ich arbeite in einem kleinen Laden, der Rollkoffer verkauft. Ich traue Niemandem, der den Laden betritt. Ich traue ihnen nicht, weil doch jede Person, die am Flughafen erscheint, bereits einen Koffer hat. Und die, die keinen Koffer haben und mit leeren Händen auf Reisen gehen, oder womöglich ihre Socken und Hosen lose auf den Tresen legen, diejenigen haben immer irgendwas nicht verstanden. Irgendwas, was für andere Menschen ganz selbstverständlich ist. Jonathan zum Beispiel. Jonathan war groß. So groß, dass er sich bücken musste, um nicht an die unechten Pflanzen zu stoßen, die von der Ladendecke hingen. Unecht, weil kein Sonnenlicht in den Laden gelangte. Unecht, weil niemand in einem Laden am Flughafen, der Rollkoffer verkauft überhaupt Pflanzen wertschätzen würde. Unecht, weil sie einfach vergessen werden konnten. Sowie ich manchmal auch vergaß, dass ich niemandem, der Rollkoffer an einem Flughafen kauft, vertrauen sollte. Ich vergaß es, als sich Jonathan das erste Mal zu mir runter bückte. Er hatte blaue Augen. Wirklich blau. Und er sagte, er hätte mich schon oft gesehen, im vorbeigehen. Er pendle, sagte Jonathan. Zwischen Berlin und München. Sein Anzug sei von Hugo Boss und seine Brieftasche aus echtem Leder. Wenn ich das nicht gut finde, sagte er, dann soll ich ruhig ein Wort sagen. Er würde es verstehen. Ich sagte nichts. Ich fand es nicht gut. Aber ich sagte überhaupt nichts, in den ganzen Malen, die Jonathan in den Laden kam und ein Rollkoffer nach dem anderen kaufte. Jeden Montag eine andere Farbe. Ich lächelte, wenn ich ihm den Kassenbon übergab. Manchmal wollte ich ihm dabei einen schönen Tag wünschen, aber er redete und redete jedes Mal, bis sein neuer Rollkoffer und er auf dem Gang verschwanden. Ich vergaß Jonathan nicht zu trauen, weil ich mich nicht wehrte. Gegen seine Fragen, die viel zu persönlich waren und die er mich nicht einmal beantworten ließ, sondern immer selbst beantwortete. 

Jonathan kennt nichtmal deinen Namen, sagte Mina, als sie mit mir durch den Park spazierte. Mina ist die Sorte Frau, die nie nichts sagen würde. Sie sagt immer alles. Und einige. Einige viele haben deshalb vor ihr Angst. Aber ich habe keine Angst vor Mina. Und das weiß sie auch. Mina hat auch keine Angst vor mir. Obwohl eigentlich nichts und niemand vor mir Angst hat. Außer der Jagdhund von meinem Nachbarn über mir. Der Jagdhund heißt Kecks und Kecks zieht immer den Schwanz ein, wenn er mich sieht. Ich bin gekränkt von seinem Verhalten, aber freue mich auch ein bisschen, weil ich wohl auf Kecks furchteinflößend wirke. 

Ich verspreche Mina, dass ich Jonathan fragen werde, was er mit den ganzen Koffern macht, die er bei mir kauft. Stattdessen sehe ich, als ich wieder im Laden bin und Jonathan gebückt zur Tür hinein kommt, dass er einen Kaffeefleck auf seinem weißen Hemd hat. Und weil er von dem Fleck etwas beeinträchtigt scheint, bin ich schneller mit meinen Worten. Ich sage ihm, dass er einen Fleck auf dem Hemd habe. Danach sehe ich Jonathan nie wieder. 

Als ich nach Hause komme, sitzt du auf dem Sofa. Du hast Kuschelsocken an und schaust verliebt in ein Buch. Bücher faszinieren dich so sehr, wie andere das Weltall oder Filme über Naturwunder. Das mag ich an dir, obwohl du mich lange nicht bemerkst. Irgendwann lasse ich einen Teller fallen. Er zerspringt in Tausend Stücke.  Du blickst auf. Jetzt guckst du mich verliebt an. Dann skatest du mit deinen Kuschelsocken über den Boden, kommst vor den Scherben zum Stehen und nimmst mich in den Arm. Viel zu lange und viel zu fest würden andere sagen. Ich sag das aber nicht. Ich fühle deinen Herzschlag und trauere leise um den Teller. Es war ein Geschenk deiner Tante. Vor deren Haus, wir am Strand einen ganzen Sommer verbrachten. 

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