Ich würde ja, wenn ich könnte, aber ich will nicht.

Kurz habe ich nicht aufgepasst. Ganz kurz dachte ich, ich könnte den Eiswürfel-Flamingo in meinem Glas zugucken, wie er geschickt auf einer kleinen Welle hin und her wippt. Kurz habe ich mich in Sicherheit gedacht. Das Blaulicht ignoriert. Die Menschen ignoriert, die ihre tanzwütigen Körper an mir vorbeischoben. Kurz war ich ganz alleine. Dann sah ich dich.
Du standest am anderen Ende des Raumes. Deine langen Haare wellten sich sobald sie die Schultern erreichten. Deine blauen Augen starrten mich an. Nur Sekunden später realisierte ich, wie ähnlich du mir warst. Deine orange Hose bis zu den Knien hochgekrempelt. Deine zerknitterte Bluse in die Hose gesteckt. Deine Hände in stetiger Bewegung.

Ich schreibe viel über die Traurigkeit. Aber dieses mal nicht. Heute nicht. Heute ist nämlich der schönste Tag meines Lebens. Und Morgen ist auch der schönste Tag meines Lebens. Und Übermorgen…auch. Oft habe ich das Gefühl nicht in diese Welt zu passen. Das ist gut so. Ich möchte sie nämlich verändern. Wenn wir alle in sie hineinpassen würden, dann wären wir nur ein weiteres Teil eines Puzzles, welches irgendwann fertig ist. Welches, wenn es ganz schlimm kommt, fixiert irgendwo an einer Wand hängt. In einem dunkelbraunen Bilderrahmen.
Ich möchte kein Teil eines fertigen Puzzles sein. Ich möchte ein Teil einer Vision sein. Einer Vision, die nach einer Mischung aus Weinblättern und Pistolenpulver riecht.

Gestern habe ich eine kleines Liebesgeständnis in einer Ananas geritzt. Langsam bohrte sich das Messer durch die Schale und hinterließ Fugen der Kommunikation. Erst als ich fertig war bemerkte ich, dass die Idee nicht ausgereift war. Zitrusfrüchte dürfen nämlich nicht ins Flugzeug. Jetzt kann ich sie dir nicht geben. Die Ananas. Die Nachricht.
Aber das ist okay. Vielleicht werde ich dich einfach küssen. Und vielleicht wird der Kuss einfach ein bisschen nach Ananas schmecken. Und vielleicht ist das auch schon alles worum es hier geht.

coffee 3

 

07:45

Bildschirmfoto 2019-06-25 um 07.36.37Eine wunderbare Weise die Welt zu sehen, ist indem man versteht, dass die Züge immer dann im Tal vorbei rauschen, wenn sie es sollen. Dass wir immer dann Schmerz und Freunde spüren, wenn es für uns an der Zeit ist.
Es ist nun 07:45 und SIE steht vor mir. Ihre Augen voller Hoffnung. Ihr Kleid zerschnitten und auf ihrem Kopf thront eine Narbe. Sie ist der letzte Sonnenstrahl, der sich über mein Frühstück legt. Ich kann sehen wie sich die Haferflocken in meiner Schüssel vor Freude anfangen zu umarmen. Liebevoll steigen auch die Rosinen mit ein. Group hug in my Müsli bowl all day long. Ein wahrer Augenschmaus.
Ich greife nach meine Kaffeetasse, als sich plötzlich Tränen auf meinen Wangen bilden. Sie laufen hinunter, als könne sie nichts und niemand aufhalten. Jede Träne fällt leichtfüßig auf den Steinboden unter meinen Füßen und ergibt dabei einen lieblichen Klang. Nach einer Weile ist die Luft gefüllt mit einer Symphony der Extraklasse. Nachbarn kommen aus ihren Häusern und bilden einen Halbkreis um mich, um meinem Tränenkonzert zu lauschen. Sie haben Decken und Stühle mitgebracht und schauen mir zu. Dabei trinken sie Cola aus Dosen, ziehen ihre Sonnenhüte tief ins Gesicht und wippen mit dem rechten Fuß im Tackt. Es ist eine sonderbare Welt denke ich mir, als mir ein alter Herr ein Stofftaschentuch reicht. Es ist eine sonderbare Welt.