Wasser ist kein Ort

Ohne die Augen zu schließen rannte ich auf mein Ziel zu.
Meine Füße waren durch die Pfützen, des gerade noch auf die Erde aufschlagenden Regens, durchtränkt. Meine Hand schmerzte. Der Biss hatte sämtliche Hautschichten durchtrennt und ließ nun ungehindert dicke Bluttropfen ins Freie treten.
Mit jedem Sprung zog die rote Flüssigkeit weitere Linien über meine Handfläche.
Die mich umgebende Stille wurde nur durch die Trägheit meines Körpers gestört. Mein Atem war unruhig und ich konnte das Klopfen meines Herzens im tiefsten Inneren meines Kopfes spüren.
Als ich an den Toren ankam, sah ich ein kleines Mädchen auf der Mauer sitzen. Ihre goldenen Haare hatten sich verspielt über ihre Schultern gelegt. Sie hielt den Kopf leicht schief und schaute mich mit großen Augen an. Ich konnte die untergehende Sonne in ihrer Iris aufblitzen sehen. Also ihr Blick auf meine nassen Schuhe traf, sah ich ein flüchtiges Lächeln über ihr Gesicht huschen, gefolgt von einem mit Liebe durchtränkten Blick.
Sie machte eine kleine Bewegung mir ihrer linken Hand und die eisernen Türen setzen sich unter Dröhnen in Bewegung. Nach wenigen Sekunden konnte ich den Brunnen sehen. Das Wasser funkelte und kleine Regenbogen entstanden durch die feinen Tropfen die in der Luft lagen. Ich trat in die Festung hinein und realisierte nur einige Sekunden später, dass alle Menschen ihre Arbeit niederlegten, um mir dabei zuzugucken, wie ich meinen müden Körper über den Platz schleppte.
Nun sitze ich am Brunnen und halte meine schmerzende Hand in das kühle Wasser. Ich spüre die durchdringende Aufmerksamkeit von tausend Augenpaaren, die jegliche meiner Bewegungen verfolgen. Ein kleiner Junge kommt angelaufen. Über seinem Auge thront eine lange Narbe. Ich lege behutsam meinen Finger auf das kleine Stück schmerzvoller Vergangenheit und lächle ihn an. Er greift meine gesunde Hand „bitte geh nicht.“
Aber für mich ist es schon längst an der Zeit. Ich befreie mich aus seinem lockeren Griff. Steige auf die Mauer des Brunnens. Ein letztes Mal blicke ich mich um, dann spüre ich, wie sich das Wasser durch jede Faser meiner Kleidung drängt, um anschließend meine Haut leidenschaftlich zu umringen.
Es hatte mich Wochen gekostet um zu verstehen, dass mein Zuhause immer hier war. Hier im Wasser. Hier in der Stille. Hier in der Schwerelosigkeit.

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Welche Feder übersteht den Kampf?

„Werden wir das Meer sehen?“ – fragt sie leise.
„Ich weiß es nicht.“– antworte ich.
Meine Finger fahren über die Regentropfen, die langsam am Festen hinunter laufen.
„Manche Nächte sind dunkler als andere, weißt du. Dass heißt nicht, dass morgen nicht die Sonne aufgeht. Sie wird aufgehen. Da glaube ich fest dran.
Aber zuerst wird es still sein. Sehr still. Aber sogar während der Stille kannst du die Sterne am Himmel zählen. Und währenddessen du sie zählst, kannst du dir vorstellen, dass in jedem kleinen Stern ein kleiner Funken Hoffnung darauf wartet, geweckt zu werden.“
„Aber es regnet doch gerade.“ – haucht sie leise.
„Ja das stimmt, es regnet. Ziemlich doll sogar.“
Wir biegen auf einen Feldweg ein. Das Auto ruckelt sanft, währenddessen es über Stock und Stein gleitet. Sie guckt verstohlen aus dem Fenster. Ich sehe Gänsehaut auf ihren Armen. Sie zittert leicht.
Ich bringe den Wagen zum Stehen. Lege einen Arm um sie und flüstere: „Du bist das stärkste Mädchen, das ich kenne. Du hast sicher einen so starken Blick, einen so starken Blick, der durch die Wolken geht, oder?“
Sie dreht langsam ihren Kopf zu mir und schaut mich an: „Ich weiß nicht, ob mein Blick so stark ist. Jedes mal wenn ich nach oben gucke, fallen Wassertropfen in meine Augen, die dann meine Wangen runter laufen. Dann kann ich die Wolken nicht mehr sehen. Jedes mal, wenn ich nach oben blicke.“
Ich streiche ihr liebevoll über die Wange: „Ich bin mir sicher, dass du es schaffst. Du bist eine Löwin und Löwen kämpfen nunmal. Sie können gar nicht anders.“