Halbkreise

Siebenundzwanzig. Achtundzwanzig. Neunundzwanzig. Die nötigen Erinnerungen erlöschen im Minutentakt. Ein Bus kommt. Du steigst ein. Ich steige ein. Wir fahren für eine Weile. Häuser weichen Feldern. Felder weichen Häusern. Es riecht anders. Du riechst anders, als du mir näher kommst. Nur, weil ich etwas will, ist es nicht gleich richtig. Nur weil du etwas verachtest, wird es nicht falsch. Über uns bricht eine Welle von Emotionen herein. Sie schleudert uns bei jeder Bodenwelle gegen die Sitzreihen, gegen die Seitenfenster, gegen die Notbremse. Langsam, nur langsam kommen wir zum stehen. 

Du läufst mir eine Zeit lang hinterher. Die Dunkelheit schluckt den Trubel des Tages und die Lichter spiegeln sich in den Windschutzscheiben der parkenden Autos. Irgendwann drehe ich mich um. Du bist weg. 

Ist das Reflektieren vom eigenen Verhalten und der eigenen Wahrheit nicht der Schatten, der den mündigen Menschen begleitet? Ein Schatten, dem sie sich bewusst ist. Ob in der Bar, am Schreibtisch oder vor dem Fernseher. Ein Schatten, der nobel und zugleich schmerzhaft zu seien scheint. 

Ich sitze in dem Laden, in dem es Bagels und richtig guten Kaffee gibt und von dem man aus den Kreisverkehr sehen kann. Autos in allen Größen und Farben schlängeln sich unauffällig vorbei. Sie tanzen einen Halbkreis miteinander, bis ihr eigener Weg sie dazu zwing die Gemeinschaft zu verlassen. Ich fühle mich gut. Ich fühle die Anwesenheit meiner Freunde, auch wenn sie nicht das sind. Ich fühle mich gut. Ich fühle mich gut. Ich beiße vom Bagel ab. Ich fühle mich gut. Ich trinke einen Schluck Kaffee und dann noch einen und dann kommen mir dir Tränen und trotzdem fühle ich mich gut. Ich weine große Wassertropfen, die auf den Tisch vor mir fallen. Ein Herr mit Hut kommt vorbei. Er legt mir eine Hand auf die Schulter. Wir kennen uns schon lange. Und dann, dann schauen wir den Autos beim tanzen zu und sind für eine ganze Weile ganz still. 

Zwischen Berlin und München.

Wir haben viel Zeit miteinander verbracht. Auf deinem Dachboden. In dem Café an der Ecke. An dem kleinen Strand vor dem Haus deiner Tante. Der kleine Strand, der uns gehörte. Für einen ganzen Sommer. Der Strand, an dem du deine Zehen im Sand vergrubst, wie ein Kind seine Finger im Kuchenteig. Der Strand, an dem du liebevoll deinen Arm um mich legtest, um mir zu zeigen wie echt alles ist. Also wie echt du bist und wie echt wir sind.

Irgendwann habe ich mich dann aufgehört zu fragen, wieso du mich so anschaust, als wären ich deine Lieblingseissorte. Stracciatella, sagst du. Und ziehst deine Lippe dabei etwas hoch. Stracciatella sei das Beste vom Besten. Dann küsst du meine Nasenspitze. Und ich lasse es einfach zu.  Dann gehe ich zur Arbeit.

Montags arbeite ich nämlich am Flughafen. Es ist ein sonderbarer Ort. Gehandelt wird mit Fernweh und schicken Geschäftsreisen. Wer mit dem Flugzeug zum Job fliegt, der trägt meist kabellose Kopfhörer und eine Portion Autorität mit sich herum. Die Kopfhörer im Ohr und die Autorität auf den Schultern. 

Ich arbeite in einem kleinen Laden, der Rollkoffer verkauft. Ich traue Niemandem, der den Laden betritt. Ich traue ihnen nicht, weil doch jede Person, die am Flughafen erscheint, bereits einen Koffer hat. Und die, die keinen Koffer haben und mit leeren Händen auf Reisen gehen, oder womöglich ihre Socken und Hosen lose auf den Tresen legen, diejenigen haben immer irgendwas nicht verstanden. Irgendwas, was für andere Menschen ganz selbstverständlich ist. Jonathan zum Beispiel. Jonathan war groß. So groß, dass er sich bücken musste, um nicht an die unechten Pflanzen zu stoßen, die von der Ladendecke hingen. Unecht, weil kein Sonnenlicht in den Laden gelangte. Unecht, weil niemand in einem Laden am Flughafen, der Rollkoffer verkauft überhaupt Pflanzen wertschätzen würde. Unecht, weil sie einfach vergessen werden konnten. Sowie ich manchmal auch vergaß, dass ich niemandem, der Rollkoffer an einem Flughafen kauft, vertrauen sollte. Ich vergaß es, als sich Jonathan das erste Mal zu mir runter bückte. Er hatte blaue Augen. Wirklich blau. Und er sagte, er hätte mich schon oft gesehen, im vorbeigehen. Er pendle, sagte Jonathan. Zwischen Berlin und München. Sein Anzug sei von Hugo Boss und seine Brieftasche aus echtem Leder. Wenn ich das nicht gut finde, sagte er, dann soll ich ruhig ein Wort sagen. Er würde es verstehen. Ich sagte nichts. Ich fand es nicht gut. Aber ich sagte überhaupt nichts, in den ganzen Malen, die Jonathan in den Laden kam und ein Rollkoffer nach dem anderen kaufte. Jeden Montag eine andere Farbe. Ich lächelte, wenn ich ihm den Kassenbon übergab. Manchmal wollte ich ihm dabei einen schönen Tag wünschen, aber er redete und redete jedes Mal, bis sein neuer Rollkoffer und er auf dem Gang verschwanden. Ich vergaß Jonathan nicht zu trauen, weil ich mich nicht wehrte. Gegen seine Fragen, die viel zu persönlich waren und die er mich nicht einmal beantworten ließ, sondern immer selbst beantwortete. 

Jonathan kennt nichtmal deinen Namen, sagte Mina, als sie mit mir durch den Park spazierte. Mina ist die Sorte Frau, die nie nichts sagen würde. Sie sagt immer alles. Und einige. Einige viele haben deshalb vor ihr Angst. Aber ich habe keine Angst vor Mina. Und das weiß sie auch. Mina hat auch keine Angst vor mir. Obwohl eigentlich nichts und niemand vor mir Angst hat. Außer der Jagdhund von meinem Nachbarn über mir. Der Jagdhund heißt Kecks und Kecks zieht immer den Schwanz ein, wenn er mich sieht. Ich bin gekränkt von seinem Verhalten, aber freue mich auch ein bisschen, weil ich wohl auf Kecks furchteinflößend wirke. 

Ich verspreche Mina, dass ich Jonathan fragen werde, was er mit den ganzen Koffern macht, die er bei mir kauft. Stattdessen sehe ich, als ich wieder im Laden bin und Jonathan gebückt zur Tür hinein kommt, dass er einen Kaffeefleck auf seinem weißen Hemd hat. Und weil er von dem Fleck etwas beeinträchtigt scheint, bin ich schneller mit meinen Worten. Ich sage ihm, dass er einen Fleck auf dem Hemd habe. Danach sehe ich Jonathan nie wieder. 

Als ich nach Hause komme, sitzt du auf dem Sofa. Du hast Kuschelsocken an und schaust verliebt in ein Buch. Bücher faszinieren dich so sehr, wie andere das Weltall oder Filme über Naturwunder. Das mag ich an dir, obwohl du mich lange nicht bemerkst. Irgendwann lasse ich einen Teller fallen. Er zerspringt in Tausend Stücke.  Du blickst auf. Jetzt guckst du mich verliebt an. Dann skatest du mit deinen Kuschelsocken über den Boden, kommst vor den Scherben zum Stehen und nimmst mich in den Arm. Viel zu lange und viel zu fest würden andere sagen. Ich sag das aber nicht. Ich fühle deinen Herzschlag und trauere leise um den Teller. Es war ein Geschenk deiner Tante. Vor deren Haus, wir am Strand einen ganzen Sommer verbrachten. 

Die Gedanken eines Tages

Früher schrieb ich, um den Weltschmerz zu ertragen, der mich umgab. Heute, einige Jahre, Haarschnitte und Liebesbeziehungen später, schreibe ich, um mir bewusst zu werden woher mein persönlicher Weltschmerz kommt. Und ob nicht auch etwas Gegenteiliges in mir wohnt. Denke ich lang genug darüber nach, so bemerke ich das Kitzeln der Freude im Bauch. Die Liebe in Brust und Herz und die Bewunderung für die kleinen Momente. Lebensfreude ist nicht selbstverständlich, doch verstehe ich sie gut. Liebe ist nicht selbstverständlich und doch versteckt diese sich in kleinen Zwischenräumen. Zwischen Daumen und Zeigefinger, zwischen dem Hier und dem Jetzt, zwischen der Nähe und der Distanz, zwischen der Freiheit und der Bindung. 

Es macht mir Angst mich von meiner Angst zu lösen. Etwas loszulassen ist wohl schmerzhaft, aber was ist, wenn es auch gut tut? Wo war ich, als ich um dich weinte? Wo war ich, als ich mich um dich sorgte? Wo war ich, als ich gegen die Traurigkeit kämpfte, die meinen ganzen Tag einnahm? Ich war im Zwischenraum. Der nun, gefüllt mit Liebe, wie eine neue Welt erscheint. Der Zwischenraum, der in dem neuen Licht, im neuen Kontext, in der neuen Welt das Gegenteil von dem bedeutet, was sich Verletzung nennt. 

Ich renne nicht mehr, um wegzulaufen. Ich renne, um den Wind zu spüren, um irgendwann das Meer zu sehen, um irgendwann mein Herz bis aufs letzte Gefäß zu verschenken und zwar an dich, an mich, an die Wolken über meinem Kopf. 

Aller Anfang ist gut. Ende.

Aller Anfang ist gut – dachten wir, als wir Hand in Hand die Straße am See hinab liefen. Es war jedoch eine unwahre Aussage, dessen Fehler in ihrer Basisannahme eingenistet war. Veränderungen sind gut, denn Stillstand bedeutet das verloren gegangene Leben. Aber Nicht jeder Anfang ist gut. Jeder Anfang hat etwas Gutes, gleichsam wie Schlechtes. Oder gibt es Anfänge, die nur Schlecht sind oder nur Gut sind? Die Beantwortung dieser Frage ummantelt die Vorausgesetzt, dass wir ein Einverständnis über die Gegebenheiten der beiden Zustände treffen, ansonsten finden wir uns nur in fluide Behauptungen wieder, die niemals eine reale Bewandtnis haben werden. Aber sollten wir überhaupt noch über den Anfang reden, wenn wir mitten in dem Zustandsstrudel gefangen sind, der sich täglich selbst bedingt, mit dem Sorgenvollen blick auf das Morgen? Wem schenken wir gerade Aufmerksamkeit? Dem Jetzt? Aber das Jetzt konnte nur durch den Anfang entspringen. Also doch „alles zurück auf Anfang“, würde mein Großvater sagen und dabei eine Schallplatte in seinen Händen wenden. Aber ich wollte nicht zurück zum Anfang. Hier gefiel es mir allerdings auch nicht. Es muss sich irgendwas ändern. Aber was?
Paradox war es sowieso, dass sich die Stille um die Häuser legte, Vorhänge zugezogen blieben und sich das blau schimmernde Licht von Monitoren über sie ergoß und doch die Sonne dem Nachthimmel glich, als sei ein ganz normaler Tag vergangen. Die Komplexität dieses Zustandes war unbegreiflich, hatten wir doch gestern noch den Nachbarskindern einen Geldschein in die Hand gedrückt, damit sie sich beim Eismann eine zart fließende Leckerei ihrer Wahl aussuchen konnten. Nun war der Rasen leer. Ein großes Spielzeugauto und eine mit Blümchen bemalte gelbe Schaufel lagen im Vorgarten als seien sie hinterbliebene Waffen eines längst vergangenen Krieges.
Ich zog den Reisverschluss meiner Jacke bis zum Hals, dabei ließ ich deine Hand los. Der Zufall wollte es, dass wir uns trafen. Vor einige Zeit. Jetzt waren wir die Letzten, die sich Wärme schenken konnten.
Das Wasser des Sees glitzerte Hinter den Bäumen hervor, als wollte es mit jeder Erscheinung mehr Aufmerksamkeit erlangen. Es pulsierte, wie ein Marathonläufer hinter der Ziellinie. Der Wind strich auch mir durchs Haar. Heftiger als erwartet. Mit jedem Luftstoß wurde mir das Leben bewusster. Ich balanciere oft zwischen der Wichtigkeit und der Belanglosigkeit meiner Selbst.
Glückseligkeit ist eigentlich nur ein verstricktes Bündel aus erfüllten und unerfüllten Erwartungen an unsere Umwelt und dem daraus resultierenden Bild der eigenen Person.
Ich würde gerne Tanzen, dachte ich. Doch verletzt durch die eisige Kälte blieb ich starr. Du warfst einen Stein ins Wasser und freutest dich. Wie ein Kind. Mündig zu sein seinem Bewegungsdrang zu erklären ist ein Phänomen. Du konntest es. Gut sogar. Als wir zurück liefen war es fast so, als hörten wir die Stimmen der anderen hinter den Bäumen. Fast.

Anfang

Deine Welt gibt es schon.

Ich stehe am Kurfürstendamm. Der Kurfürstendamm. Einkaufsmeile. KaDeWe. Zu seiner Zeit ein Zauberland. Eine glitzernde Konsumstätte der Elite. Unterhaltung. Fiktion. Fantasie. Eleganz. Und ich. Ich stehe hier. 2020. Warte auf die Bahn. Das Mysterium längst dem harten Alltag gewichen. Grüne Wände. Auf jeder Bank eine schlafende Person. 5 Minuten noch. Der Schaubühnenabend steckt mir in den Knochen. Mark Waschkes Stimme schwirrt mir mit hoch philosophischen Lebensfragen im Kopf. Die Anzeige flimmert. 4 Minuten. Wer bin ich eigentlich und was habe ich von meiner Übergebung übernommen? Bin ich überhaupt Künstlerin, wenn ich mich durch die schnellen Umstände meines Alltags in einer, nach Leistung strebenden Gesellschaft verliere? Und tut genau dies ein Künstler nicht auch?

Louis Hofmann und Max Schimmelpfenning stehen an der Bar und bestellen sich eine Brezel. Ich sehe sie an und frage mich wie es sich wohl anfühlen muss: Die Einverleibung der Kunst in einem jungen Körper. Sie fangen an etwas zu tanzen. Schauspieler halt. Sind sie frei? Auf jeden Fall fühlen sie sich in der Lage ihren Körper zu ihrem Gemütszustand zu bewegen. Das kann nicht jeder. Das sollte auch nicht jeder. Aber Schauspieler dürfen das. Sie sollten es sogar. Oder?

Ich steh also am Kurfürstendamm. Einige Männer in grell-roten Warnwesten bekleben Plakate. Sie amüsieren sich sehr über das vollbusige Model. Das eine oder andere Kommentar unter der Gürtellinie ertönt. Es schnallt unaufhaltsam den Bahnhof entlang und verzerrt sich in seine Wiederholung. Wieso ist die Welt eigentlich so? So unaufhaltsam merkwürdig.

Du steckst dir einen Löffel Eis in den Mund. Ich mache ein Foto. Du siehst aus, als würdest du mit dem Eis diskutieren.
Wir diskutieren viel. Also du und ich. Wir wollen auch viel. Kunst, Liebe, Leben, Momente, Innovation. Weiterkommen. Nicht zuletzt sehe ich dich oft an und suche nach Erklärungen in dir, die eigentlich aus mit kommen müssten. Zwei Murmel- Seelen eben, die ihre Bahnen noch nicht gefunden haben. Und sich doch entschließen zusammen zu kullern.

Nun laufe ich mit meinem Handy vor der Nase von der U-Bahn zu mir nach Hause. Ich merke wie hinter mit jemand näher kommt. Schnellen Schrittes. Neben mir taucht ein Weihnachtsbaum auf, über den ich fast stolpere. Ich bin erstaunt über die Tatsache wie sich manche Menschen so lange das Weihnachtsfest erhalten.
Kann moderne Schreib und Dichtkunst überhaupt noch etwas romantisches haben, wenn es auf kleinen flimmernden Bildschirmen entsteht? Oder sollten wir Dichterinnen und Denkerinnen nicht auf Papier zurückgreifen, um jedem Wort seine individuelle Emotion zu geben? Die Person hinter mir holt mich ein. Und zieht vorüber. Sie isst Hühnchen aus einem Plastikbehälter. Ich frage mich was schlimmer ist. Das Festhalten von Schrift auf Mini-Computern oder Nahrungsmittel mit Erdölummantelung?

WhatsApp Image 2020-01-30 at 00.44.30

In der Garderobe des Theaters

es ist ein sonderbarer Raum, in dem Träume brechen, in der Liebe ertragbar wird, in der sich Wahrhaftigkeit und Fiktion umarmen. Die Garderobe ist der Vorraum von konträren Welten, sie ist ein Transformationsabbild, eine Kontextverschiebung, eine Neusortierung von Worten, Fakten und Einstellungen.
Sie ist die Knautschzone der Persönlichkeit, ein vager Schutzraum, eine ineinander verschlungene Schnittstelle von Zukunft und Vergangenheit.
Mir ist klar geworden, dass ihre Haptik, ihre Energie, ihre Anschaulichkeit das Innere eines durchlässigen Schauspielers durchaus enorm beeinflusst.
Ihr Geruch, ihre Farben, ihr Licht, ihre Befindlichkeit haften an mir noch Tage nach einer Vorstellung. Sie gibt mir, in den Momenten der absoluten Verletzbarkeit, ein Teil von ihr. Zwar trennt die Bühne, die Welt vor den Pforten mit der des Spiels, doch es gibt keine Trennung zwischen Bühne und Garderobe. Durch das nicht Existieren einer klaren Grenze, verformt sich die Zeit in ihr zu einem komplexen Rhythmus, der nach einer eigenen Gesetzmäßigkeit die Umwandlung einer Person beherbergt. Und doch ist sie kein sicherer Ort, wie ich finde. Einflüsse von außen Dringen hinein und erzeugen vereinzelt ein Ungleichgewicht zwischen Realität und Spiel.
Doch sie ist auch ein Ort der Freude, des Verbundes, des Agreements einer Gruppe sich zu fangen, sich im richtigen Moment loszulassen, nur um abschließend ein Netz zu formen, in das sich der Körper winden kann. Sie ist auch der Ort der Ansprachen, des Appelles, des Mut machens, des Zweifelns, des Frustes und der Herzlichkeit.
Wenn ihr Licht erlischt, bleibt die Energie aller Emotion zurück, die ein Mensch erleben kann. Dann ist sie nur noch eine Narration, die einst stimulierte. Sie wird nie in der Lage sein den Moment zu behalten. Oft ist sie stiller Zeuge von Leid und Freude. Sie sucht nicht nach Perfektion. Sie ist lediglich der lebendige Übergang von Ignoranz zur Offenheit.

Bildschirmfoto 2019-10-21 um 22.03.38

I don’t like yellow, but I like you.

„Ich wollte euch mal wieder schreiben“, ritze ich mit meinem Schlüssel in die Innenseite einer U-Bahntür. Ein Mann ohne Haare beobachtet mich. Ich überlege kurz, ob er mich wohl tiefgründig verabscheut, merke dann aber, dass es mir egal ist und steige aus.
Die Luft am Bahnhof ist kühl. Hinter mir schließen sich die Türen und meine Wandalismus-Kunst geht auf Reisen.
Ich beschließe den Abschiedsschmerz ein wenig zu genießen und fange an, ohne mich vom Fleck zu bewegen, eine Zigarette zu drehen. Ich habe lange nicht mehr geraucht. Das Nikotin zettelt sofort eine Streit mit meinem Körper an und gewinnt. Als ich gerade dazu ansetzen will mir eine essentiell-philosophisch Frage über Schwindelzustände als Konstrukt des alltäglichen Lebens stellen zu wollen, trifft mich ein unerwarteter Spruch am Kopf: „Komm se mal von der Bahnsteigkante weg Mädel.“ Hinter mir taucht ein kleine, dicker Mann mit gelber Warnweste auf. Er sieht so aus, als würde er zuhause eine Vogelspinne hüten oder Würstchen aus dem Glas essen oder beides. In seiner linken Hand hält er einen Rucksack. Ich gucke ihn wohl ein bisschen zu lange und zu durchdringen an, da er plötzlich zu schreien beginnt. Weil ich nicht weiß, wie ich ihn beruhigen soll, schenke ich ihm meine Handtasche. Daraufhin fühle ich mich irgendwie frei. Ich laufe weg.
Mein abendlicher Spaziergang endet bei einem Imbiss. Vor einer Weile hat mir jemand gesagt, dass er die Menschen verabscheut, die Pommes mit Mayo essen. Ich bestelle mir Pommes mit Mayo und fühle mich seit langem wieder richtig gut.

yellow 2

Eisen und Zucker

*Nichts an diesem Text ist autobiografisch. Er ist ein Zusammenschluss eines Traumes, der von meinem letzten Filmdreh beeinflusst ist und weiterführenden Gedanken. Mama, bitte mach dir keine Sorgen.

Ich sah ihn an. Nichts ahnend, dass hinter seinen Augen die Energie eines Wolfes schlummerte. Seine gewellten Haare legten sich spielerisch um sein Gesicht.
Ich gab ihm alles, was ich hatte. Nur um zu sehen, was er damit machen würde.
Er trug ein Stück Fell um den Nacken. Es bäumte sich auf, wenn er zu lachen begann.
Wo ist der Anfang? Fragte ich mich. Wo ist der Anfang von allem Übel?
Als er zugriff wusste ich bereits, dass ich gefangen war. Gefangen in einem Strudel aus Zufällen, die mich zu diesem Ort brachten. Fernab von der Stadt. Fernab von der Sicherheit, in die ich mich tagtäglich einhüllte.
Ich musste kämpfen. Es ging nicht anders. Also stach ich zu.
Das Messer hatte mir eine alte Dame gegeben. Sie saß hinter einem vollgestellten Flohmarkttisch. Mich fest im Visier. Ihre Augen waren hellblau und ihr Gesicht halb in sich zusammengefallen.
Sie gab mir das Messe für sieben Pfund. Es hatte eine Feder eingraviert. Einmal, als ich auf die Bahn wartete, zählte ich meine Adern, die durch die Haut meines Handgelenk schimmerten, wenn ich das Messer mit aller Kraft festhielt. Doch wo beginnt eine Ader und wo findet sie ihr Ende? Im Herzen? In der Klinge? Im Unaufhaltbaren?
Ich liebe den Menschen, zu dem ich wurde, als das Blut an sich an der Messerspitze sammelte und zu Boden tropfte. Als nächstes spürte ich seine Faust in meinem Gesicht. Danach wurde alles Schwarz.
Was macht den Menschen zu einem Menschen? Ich glaube es ist die Fähigkeit Rache zu nehmen.
Nicht sofort zuzubeißen, sondern von langer Hand zu planen und sich auszumalen wie der Moment sein wird, indem man sich seine Macht zurück holt.
Macht ist sowieso etwas Sonderbares. Macht ist eigentlich eine Illusion. Sie kann nicht ohne einen Machtlosen passieren. So wie die Rache auch. Rache ist auch eine Illusion, die nicht von alleine passiert. Auch das Blut ist eine Illusion und so die Klinge am Messer, das ich nun ins Sonnenlicht hielt. Das Blut war getrocknet. Blut hält nicht gut an glatten Oberflächen, aber ich sah hier und da einen kleinen roten Fleck.
Mein rechts Auge war zugeschwollen, was den Besuch im Supermarkt spannend gestaltete.
Ich fühlte mich wie eine Kriegerin, als ich mit einer Cornflakes Packung zur Kasse lief.
Das war mein Moment und er schmeckte nach Eisen und Zucker.

Inken Paland 6 – LEON Actors & People © Fotograf Clemens Bauerfeind

Ich bin hell. Du bist hell. Er/sie/es sind hell.

Von meinem Zimmerfenster aus, sehe ich die Bahnen im Minutentakt in das dunkelgraue Bahnhofsgebäude rauschen. Wie nackte Schnecken schlängeln sich die Züge, auf der Suche nach Schutz, in das marode Gebäude. Manchmal, wenn ich etwas zu lange wach bin und sich der Zigarettenrauch vor meine Augen schiebt, glaube ich, dass der Bahnhof eine Illusion ist. Eine Illusion der Pendler, Mütter mit Kinderwägen und Halbstarken, die herumstehen und Bier trinken.
Ich glaube, nein ich weiß, dass der Bahnhof viele Geheimnisse trägt. Einige eingemauert, andere schweben frei herum.
Mit jedem Menschen, der sich vom Bahnsteig in einen Zug begibt, verschieben sich Lügen und setzen sich in Bewegung. Gesten und heute. Morgen und übermorgen.
Wenn ich einmal in einen Zug steige sehe ich bei der Abfahrt manchmal die Umrisse meines stetig wartenden Ichs.
Ich führe in diesem Moment ein Doppelleben. Ein Leben des Stillstandes und eines der Bewegung. Ich glaube dennoch, dass die Wahrheit meines wirklichen Daseins irgendwie dazwischen liegt. Zwischen Zug und Bahnsteigkante. Zwischen gut und böse. Zwischen dem Hier und dem Jetzt.
Mich fasziniert auch die Idee des nächsten Bahnhofes. Erst in dem Moment in dem ich ankomme, weiß ich, dass er existiert. Sic mundes creatus est . Wie fühlt es sich wohl an, wenn die Welt um dich nur wenige Sekunden vor deinem Eintreffen entsteht?
Was ist, wenn jeder nur einen oder zwei Quadratmeter gebastelter Welt mich sich herumträgt und allein durch die Kreuzwege entsteht die Stadt, in der wir leben?
Die Frage ist nur, ob eine einmalig erschaffene Welt für immer besteht? Nach dem Motto: Was man sät, das wird man ernten. Oder sind wir allein die Nutznießer in den von fremder Hand erschaffenen Weltabschnitte?
Bei den ganzen philosophischen Gedanken schmerzt mein Kopf.
Dazu trägt auch das grelle Licht des wackelnden Wagonabteils bei.
Die Welt vor dem Fenster verschwimmt. Das ganze Außen wird zu einer Masse. In diesem Moment ist im Außen alles Jetzt. Alles ist jetzt.
Wir halten abrupt an.
Vor uns steht ein Zug. Wir können nicht weiterfahren. Aus Langeweile nehme ich wahr wie der Zug mit den Schienen verschmilzt. Und dann verschmelze ich mit dem Zug. Wir werden eins. Das Mondlicht fällt auf die zerkratzen Scheiben. Das Graffiti an der Wand erleuchtet. Ich erkenne Zeichen. Omega und Alpha.
Dann steigt eine alte Frau ein und verscheucht mich berechtig von meinem Sitz. Die Zug-Ich Symbiose löst sich auf und so auch die Illusion.

dark

Ich würde ja, wenn ich könnte, aber ich will nicht.

Kurz habe ich nicht aufgepasst. Ganz kurz dachte ich, ich könnte den Eiswürfel-Flamingo in meinem Glas zugucken, wie er geschickt auf einer kleinen Welle hin und her wippt. Kurz habe ich mich in Sicherheit gedacht. Das Blaulicht ignoriert. Die Menschen ignoriert, die ihre tanzwütigen Körper an mir vorbeischoben. Kurz war ich ganz alleine. Dann sah ich dich.
Du standest am anderen Ende des Raumes. Deine langen Haare wellten sich sobald sie die Schultern erreichten. Deine blauen Augen starrten mich an. Nur Sekunden später realisierte ich, wie ähnlich du mir warst. Deine orange Hose bis zu den Knien hochgekrempelt. Deine zerknitterte Bluse in die Hose gesteckt. Deine Hände in stetiger Bewegung.

Ich schreibe viel über die Traurigkeit. Aber dieses mal nicht. Heute nicht. Heute ist nämlich der schönste Tag meines Lebens. Und Morgen ist auch der schönste Tag meines Lebens. Und Übermorgen…auch. Oft habe ich das Gefühl nicht in diese Welt zu passen. Das ist gut so. Ich möchte sie nämlich verändern. Wenn wir alle in sie hineinpassen würden, dann wären wir nur ein weiteres Teil eines Puzzles, welches irgendwann fertig ist. Welches, wenn es ganz schlimm kommt, fixiert irgendwo an einer Wand hängt. In einem dunkelbraunen Bilderrahmen.
Ich möchte kein Teil eines fertigen Puzzles sein. Ich möchte ein Teil einer Vision sein. Einer Vision, die nach einer Mischung aus Weinblättern und Pistolenpulver riecht.

Gestern habe ich eine kleines Liebesgeständnis in einer Ananas geritzt. Langsam bohrte sich das Messer durch die Schale und hinterließ Fugen der Kommunikation. Erst als ich fertig war bemerkte ich, dass die Idee nicht ausgereift war. Zitrusfrüchte dürfen nämlich nicht ins Flugzeug. Jetzt kann ich sie dir nicht geben. Die Ananas. Die Nachricht.
Aber das ist okay. Vielleicht werde ich dich einfach küssen. Und vielleicht wird der Kuss einfach ein bisschen nach Ananas schmecken. Und vielleicht ist das auch schon alles worum es hier geht.

coffee 3